LTSEN, ENDE DER WELT

© Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

Der Weg hört in Ltsen auf, dem letzten Dorf vor den ausgedehnten Höhen, die den Vorotan überragen. Durch seine Hühner und Hähne, seine Walnussbäume, seinen Dunghaufen und seine Alten dringt man zu ihm vor. Eine Art Dorfplatz, auf dem der Brunnen steht, ist von morschen Gebäuden umgeben, die Gärten aber überborden von majestätischen Bäumen. Von Ltsen schweift der Blick hinaus auf Schamb und seinen Stausee. Doch das Leben in Ltsen lebt nicht und träumt auch nicht. Wie das Dorf an die Hügel angelehnt ist, scheinen die meisten Bewohner an den Tod hingedrängt. Dennoch, selbst gebrochen vom Alter sind die Alten lebendig. Man könnte meinen, dass sie mit dem Rest an Energie, die ihnen verblieb, gegen die Trostlosigkeit, in die man sie eingesperrt hat, ankämpfen. Der Lehrer hat nur eine Handvoll Schüler. Die Jugend, was es sie auch kosten mag, strebt in die Stadt. In Ltsen: tote Hose. Wanderer landen hier nur, um alsogleich den Weg nach Tatev einzuschlagen. Selbst die Kirche, ähnlich einem gewöhnlichen Haus, überdacht von einem gewöhnlichen Dach, in deren Wände aber Kreuzsteine und wunderliche, wie Grabmäler gemeißelte Steinplatten eingelassen sind, reizt ihre Neugier nicht. Einige lassen sich auf ein Gespräch ein mit den alten Damen, Ansichten werden ausgetauscht, und dann, kaum hat man Abschied genommen, vergisst man sich wieder. Und doch, seine Lage am Ausgangspunkt einer Wanderung in die Tiefen des Landes müsste Ltsen die Hoffnung erlauben, dass auch ihm, und wäre es nur vorübergehend, einiges zusteht und zufallen wird. Und müsste, wer weiß, diesem Dorf eine größere Hoffnung auf das Leben geben. Doch in Ltsen gibt es kein Kino, kein Café, kein Restaurant, keine Post, kein Theater, keinen Markt, keinen Juwelier, keinen Bäcker, kein Gas, keinen Abgeordneten. Und noch viel weniger einen Präsidenten . . .

(Übersetzung aus dem Französischen von Christa Nitsch. Denis Donikian, Siounik Magnificat, „Ltsen‘, bout du monde“, Actual Art, Erevan 2010, S.32. oder http://ddonikian.wordpress.com/2009/10/29/ltsen-bout-du-monde/ )

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Über christanitsch

Liebe Besucher, auf diesem Blog werdet Ihr meine Übersetzungen aus dem Französischen, Ungarischen und Rumänischen finden. Allen ist gemeinsam, daß sie armenische Themen zum Inhalt haben. Auf diese Weise sollen auch dem deutschen Publikum armenische Zusammenhänge deutlicher werden. Christa Juliane Nitsch
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