TATEV IN SICHT

Lange wart ihr auf einem Pfad gewandert, der über die Abhänge der hohen Hügel führte. Glitschiges Erdreich habt ihr durchwatet, unförmig war es und heimtückisch wie aufgestellte Fallen, die auf euren Schritt lauern. Eure Füße brennen allmählich in den Schuhen. Eure Knie, wie ein Getriebe, dem man nicht mehr ganz vertrauen kann, stören den Marschrhythmus. Rasch ging euer Atem beim Aufstieg. Die Schenkel aber, konnte doch das Blut den Muskeln nicht mehr den nötigen Sauerstoff zuführen, erschlafften. Und die Riemen des Rucksacks schneiden ins Schlüsselbein und schürfen die Haut auf. Es ist schon Stunden her, dass ihr den letzten Menschen saht, den Schafhirten mit Goldzähnen und dem über seiner Herde wachenden Auge, der die Nacht im Reich der wilden Schreie verbringt. Im vom Wasser aufgeweichten Erdreich hattet ihr Bärenspuren entdeckt. Und je länger ihr verschnauft, desto schneller scheint euer Weg, von gräulichen Gestalten heimgesucht und von eingebildetem Fauchen begleitet, der Abenddämmerung entgegenzueilen. Erleichtert erkanntet ihr schließlich den Berghang, der eure Wanderung beschließen würde. Aber er breitet sich, ohne ein Ende nehmen zu wollen, vor euch aus und foppt euch beständig mit seinen unzähligen Umwegen. Bis zum Augenblick, in dem sich plötzlich die Landschaft auf gelbe und grüne Hochebenen öffnet, auf mit Weizen und Mais bebaute Felder, die endlich von der Arbeit der Menschen künden. Da und dort ziehen sich Hecken hin, begrenzen die Ackerstücke oder säumen den Weg, der zum Dorf führt. Tatev befindet sich am Ende eines sanften Abhangs. Seine Dächer tauchen aus einer üppigen Vegetation auf wie Scherben in einer grünlich schimmernden erstarrten Brandung. Und nur mit Mühe bemerkt ihr den grauen Kegel des Klosters: ein Dach unter so vielen Dächern.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Siounik Magnificat, „Tatev en vue, Actual Art, Erevan 2010, S.36. oder http://ddonikian.wordpress.com/2009/10/30/tatev-en-vue/)

© Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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Über christanitsch

Liebe Besucher, auf diesem Blog werdet Ihr meine Übersetzungen aus dem Französischen, Ungarischen und Rumänischen finden. Allen ist gemeinsam, daß sie armenische Themen zum Inhalt haben. Auf diese Weise sollen auch dem deutschen Publikum armenische Zusammenhänge deutlicher werden. Christa Juliane Nitsch
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Eine Antwort zu TATEV IN SICHT

  1. Suchmaschine schreibt:

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