Ahmet Insel; Michel Marian: Dialog über das armenische Tabu

dialog-ueber-das-armenische-tabuNach der Ermordung von Hrant Dink, dem armenisch-türkischen Journalisten, der versucht hatte, die Türken zu überzeugen, mit anderen Augen den umstrittenen Völkermord von 1915/10 in der Türkei zu reflektieren, kam es 2007 zu einem ersten Dialog. Der französische Armenier Michel Marian nahm den Diskurs auf; er vermittelte den Eindruck eines Mannes, der zur Sprache bringt, was seiner Reise in dieses Land seiner Vorfahren einen neuen Sinn verleiht. „Meine Familie stammt aus Erzurum. Sie musste die Stadt aufgrund des Genozids verlassen“, erklärte er. Der Begriff „Genozid“ wirkte verstörend. Die Mehrzahl der Türken weist ihn bis heute von sich, andere benutzen ihn doch, obwohl sie noch heute deswegen vors Gericht zitiert werden können. 2008 veröffentlichten Insel und weiteren türkische Intellektuelle einen Brief, in dem sie die Armenier für die „Große Katastrophe“ von 1915 um Vergebung baten. Fast 30.000 Türken unterschrieben das Manifest. Es handelte sich dabei um eine Aktion von großer Tragweite, die den Willen zahlreicher Türken zum Ausdruck bringt, ihr offiziöses Geschichtsbild und die Verleugnung des Genozids an den Armeniern endlich zu revidieren. Gegenpetitionen, Gerichtsverhandlungen, körperliche Bedrohungen folgten: den Initiatoren der Entschuldigungserklärung blieb seitens der türkischen Nationalisten nichts erspart. Michel Marian las den Brief mit der türkischen Bitte um Vergebung. Mit weiteren Armeniern begriff er, dass die armenische Diaspora gegenüber der Verleumdungskampagne gegen Ahmet Insel und seine Gefährten in der Türkei trotz der bezeichnenden Aussparung des Wortes Genozid im Text, Stellung beziehen musste. Mit dem „Dank an die türkischen Bürger“ antworteten sie in der Zeitung Libération. Die türkische Initiative löste in Frankreich ein großes Echo aus. Von nun ab unterstützen armenische Demokraten türkische Demokraten. Etwas ist in Bewegung geraten.

Ahmet Insel, türkischer Autor – Michel Marian, armenischer Autor in Frankreich

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Einsame Straße im Sangesur. NEUERSCHEINUNG

Denis Donikian: Auch ich war in Armenien. Einsame Straße im Sangesur
aus dem Französischen von Christa Nitsch.

2012. 90 Seiten, mit 5 Abbildungen.
Paperback. € 12,80 (D)
ISBN 978-3-86320-013-8

Einsame Straße im Sangesur

Einsame Straße im Sangesur

Ein LKW wird von der Vegetation überwuchert, eine Kirche vom Wasser verschluckt, der Berg, der zum Aufbruch anstachelte, befindet sich hinter einer unüberquerbaren Landesgrenze. Und die Menschen? Sie erzählen dem Wanderer keine überbunten orientalischen Märchen, diese Zeiten sind ein für alle Mal vorbei! Ihre Stimme ist zu einem eintönigen Singsang verdünnt, der sich aus einer Gegenwart ohne Zukunft speist. Ein alter kranker Mann schleppt sich auf der sonnverbrannten Straße von Dorf zu Dorf in den armenischen Süden. Zwischen seinem abgenutzten Körper, den er zu dieser Wanderung zwingt, und den verfallenen Weilern scheint ein geheimer Einklang zu bestehen.

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NEUERSCHEINUNG!

Denis Donikian: Auch ich war in Armenien. Wanderung durch das Hochland von Syunik
aus dem Französischen von Christa Nitsch

Dieses Reisebuch ist die Beschreibung einer Wanderung auf den Wegen Armeniens, in der die Begegnung mit Landschaften, historischen Bauwerken und Menschen thematisiert wird. Doch weit davon entfernt, ein schlichter journalistischer Rechenschaftsbericht zu sein, verquickt es Liebesdichtung und ethnographische Skizze, spirituelle Suche und soziologische Fragestellung.  Der Autor ist humorvoll, er kritisiert oder staunt – je nach beobachtetem Phänomen. Dadurch wird “Auch ich war in Armenien” zu einem polyphonen Lied. Der Schritt des Wanderers, sein Blick und sein Wort durchmessen eine bestimmte Region Armeniens: von der Stadt Sissian zum Dorf Tatev führt der Wander- und Leseweg durch zerklüftetes Bergland, vorbei an einsamen Weilern in unbekannte und raue Gegenden von einmaliger Suggestivität.

Denis Donikian: Auch ich war in Armenien. Wanderung durch das Hochland von Syunik.
(aus dem Französischen von Christa Nitsch)

2011. 92 Seiten, mit 14 Abbildungen.
Paperback. € 9,80 (D)
ISBN 978-3-86320-010-7

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AUF DER SPECKSEITE DES LEBENS

Im Minibus nach Sissian hatte ich einen der hinteren Plätze besetzt. Aber eine Mutter samt Tochter mit Ausuferungen des Gesäßes, mächtig, breit und außergewöhnlich wie Flussdeltas, haben die Sitzbank überschwemmt. Nun klebe ich mit dem linken Schenkel am rechten Schenkel meiner Nachbarin. Auch nur um ein Haar wegrücken zu wollen, damit der Raum zwischen uns aufatme – dieser Frau ist’s einfach unmöglich. Wollen – ein viel zu anstrengendes Unterfangen. Nun, eigentlich befinden wir uns zu viert auf demselben Sitz. Zwischen dem Fenster und mir steckt ein Reisegefährte, den ich in jeder Wegbiegung zusammenpresse, wenn die Dicke ihre Gelatine über mich schwappen lässt, sie selbst an der Flanke bedrängt von der eigenen Tochter. Dabei habe ich die zum Platzen mit allerhand Krimskrams gefüllten Säcke gar nicht mitgerechnet, die sie auf dem Schoß balancieren, und die zur allgemeinen gespannten Lage beitragen.

Dann und wann unternehme ich den Versuch, mich etwas hochzuhieven, um die Berührungspunkte mit dem unverrückbaren Fettpolster zu variieren. Doch diese Übung ermüdet auf die Dauer und so überlasse ich mich willenlos bis ans Ende der Reise der Sekkatur meines Unsterns.

Mit den Stunden steigt die Hitze und meine Nervosität nimmt zu. Käme man doch endlich an! Mein Schenkel, der unter dem Schinken des anderen erstickt, kocht in seiner Unterhose. Schweiß rinnt bereits die Hose herunter. Aphrodite Kallipygos, die Prachthintrige – nein, nicht um Haaresbreite zieht sie die Gezeiten ihres Schmalzes zurück. Und höflich wie ich bin, wage ich es nicht, sie um die Abtretung eines wenn auch noch so klitzekleinen Gebietes zu bitten – aus Angst, sie könnte meinen Unmut als Rassismus gegen Fettleibige auslegen.

Ich zweifle, ob sie, geformt zu einem wulstigen Kolben aus triefendem Fleisch, einem Ehegatten recht angenehme Stunden bereitet. Welches Bubulik auch, und wäre es selbst von davidsassunischer Dichte, könnte seinen Weg durch dies Faltengebirge an Zellulitis finden, um zum sakralen Spalt vorzudringen? Und wer weiß, sage ich mir, ob sie nicht der sexuelle Entzug zwingt, im Stillen nach Freuden der Friktion zu lechzen mit solchen vom Zufall zugeführten männlichen Wesen, wie ich eines bin? Denn jede andere Frau, geboren in diesem Land, hätte ein so enges, so promiskes Auf-den-Leib-Rücken, selbst ein erzwungenes, mit einem Unbekannten als unzüchtig empfunden. Aber diese Matrone scheint die Sache zu suchen wie einen hinterlistigen Segen des Himmels, dessen Werkzeug in diesem Fall ich bin.

Sie trägt ein Kleid, das ihren Körper bis zu den Knöcheln bedeckt, weit geschnitten aus wallendem Stoff, und so leicht und so zart, dass es wie gemacht scheint, um das Fleisch, ohne Scham, durchsickern zu lassen.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Le coup de grasse, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/07/21/le-coup-de-grasse/)               ©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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PARS PRO TOTO

 

Seit meinen ersten Jahren in Armenien, und sobald es meinen Cousins möglich wurde, mit dem Auto übers Land zu fahren, reiste ich in entlegene Gegenden, weitab der Hauptstadt. Wohl wissend, dass man in den argwöhnischen Zeiten der Sowjets für ein solches Abtauchen an den Polizeiposten, aufgestellt an allen Ausgängen Jerewans, tüchtig gefilzt wurde.

So war es mir vergönnt, das abgelegene Sangesur, die Region Dilidschan, den Lori kennenzulernen… dabei konnten auch meine Verwandten Gegenden entdecken, die ihnen unbekannt waren und, zu der Zeit, von Touristen selten aufgesucht wurden. Ich war ein Ruinennarr. Dabei hatten es mir weniger die Dörfer angetan, diese Opfer der Unvereinbarkeit von Erde und Ideologie. Ja, dies war vielmehr der Versuch, den ewigen Boulevards des Stadtzentrums zu entrinnen, um mich am lebendigen Fruchtfleisch des Landes zu ergötzen.

Der Großteil armenischer Besucher in Armenien haben eine unverbesserliche «Stadtzentrumsperspektive» auf dies Land. Selbst wenn sie sich lange in den einzelnen Gegenden der Republik herumtreiben, und dies im Fahrzeug, hat ihr Auge kaum Zeit, das raue Landleben zu durchdringen. Das Wandern zu Fuß hingegen hält immer Überraschungen bereit und ermöglicht erst Begegnungen zwischen Menschen. Und da man über seine Zeit frei verfügt, kommt es im Laufe der Gespräche zu Geständnissen, die die Einsichten in das Leben auf dem Lande vertiefen.

Aber im Kopf des armenischen Touristen wird der starke Eindruck von Glück und Unbeschwertheit, den das Stadtzentrum erzeugt, den für flüchtige Momente erhaschten Einblick in die Verwahrlosung der Provinzen immer überblenden. Das mentale Gebiet Armenien bleibt so vom Platz der Oper, den Avenuen Abovian, Nord, Maschtots und so fort fein säuberlich abgesteckt. Da man das Erhebende behält und das Unangenehme schnell unter den Teppich kehrt, wird unser optimistischer und patriotischer Tourist Armenien in Verzückung verlassen.

Eine Verzückung, die Scham einflößen müsste im Angesicht der Stagnation, in der die morbiden Viertel der Hauptstadt und die Dörfer auf dem Lande dahinvegetieren. Aber wen schert’s, wenn doch alles so angelegt ist, dass die Entzückung die Entrüstung unter sich begraben muss und Armeniens Essenz, mit dem, was an ihr am europäischsten ist, das Gedächtnis nachhaltig prägt.

Von da an, wenn also in ihrem Kopf, und wehren sie sich auch standhaft dagegen, die Hauptstadt mit seinem Herzen aus Flittergold die Kloake des armenischen Gesamtgebietes überdeckt, werden all unsere verzückten Hurrapatrioten eine irregeleitete Vision ihr eigen nennen. So manche werden mich vom Gegenteil zu überzeugen suchen… dass das übrige Land beileibe niemals vergessen wurde, weder von der Diapora, noch von den Obrigkeiten vor Ort. Und doch hat sich nichts geändert in Bezug auf die Isolationsfront, hinter der sich zahlreiche Dörfer befinden. Nun ja, man richtet dort dies und das ein und auf, aber mit Unterstützung der Diaspora und nicht aus Ressourcen des armenischen Staates, der seine Oligarchen zu mästen und seinen Krieg zu führen hat. Überhaupt existieren diese Armenier für die armenische Regierung und die Oppositionspartei nur während der Wahlen. Man könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass das armenische Hinterland eigentlich gar nicht zu Armenien gehöre. Man brüstet sich mit dem Bau der Seilbahn in Tatev, aber man lässt vorsorglich die Finger vom Dorf, wenn es darum geht, die Gasleitungen bis hin zu verlegen oder dort einem Arzt eine Praxis einzurichten. Die Hauptstadt hat ihre Theater, Krankenhäuser, Bibliotheken, das Hinterland hat seine Kuhfladenwender. Erstere lässt letzteres weder an seinen kulturellen Aktivitäten teilhaben, noch an seiner Gesundheitsfürsorge. Vom Rest ganz zu schweigen. Denn die Stadt bringt mit ihren Boutiquen ein dichtes ökonomischen Leben hervor und das Land bringt mit seinen Kühen nichts hervor außer – Scheiße.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, La partie pour la patrie, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/09/10/la-partie-pour-la-patrie/)©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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MENSCHEN OHNE BEDEUTUNG

Wir sind in ihr Leben förmlich eingebrochen. Kleine Leute, Lumpenvolk, von allen vergessen. Denen niemand Beachtung schenkt, es sei denn einige Nachbarn, auch die verloren. Die Hauptstadt berauscht sich an sozialen Siegen. Oder verkündet lautstark ihre Träume einer schönen Politik. Und im Gefühl, den Fortschritt für ihr Volk vorangetrieben zu haben, geben sich die Verantwortlichen allabendlich der Völlerei hin. Aber für diejenigen, die ihr Leben in der Quarantäne des Hinterlandes fristen, wird sich trotzdem nichts verändert haben. Zermürbt von Entsagungen, drehen sie sich im Kreise, seit eh und je auf dem Abstellgleis. Nichts ist für die Einwohner eines Landes schlimmer, als der Eindruck, von denen, die regieren, übergangen worden zu sein.

Das Dorf Achvani ist ein Sammelbecken armer Teufel, die sich auf ihrer abschüssigen Lebensbahn an ihre Äcker und Kühe klammern. Marad, seine Frau Larissa und ihre beiden Söhne lieben ihr Leben auf dem Lande, sogar sein ganz und gar dem Vieh geweihtes rustikales Ritual.

Wir suchten oberhalb des Dorfes, auf grasbewachsener Anhöhe nach einem geeigneten Plätzchen für unser Zelt, als plötzlich ein junger Mann auf seinem Pferd vor uns auftauchte. „Hier ein Zelt aufbauen? Denkt nicht dran! Es ist gefährlich. Gelegentlich greifen Wölfe unsere Kälber an. Ich zeige euch weiter unten eine Stelle, in der Nähe des Flüsschens. Da ist nichts zu befürchten.“ Wir folgten ihm auf Pfaden, die ihm allein bekannt waren. „Zunächst aber trinkt ihr einen Kaffee bei uns.“ Sei’s drum.

Marad, der Familienvater, machte sich an einem Traktor zu schaffen, die Hände voll Wagenschmiere. Die Ankunft eines Fremdlings überrascht großherzige Seelen nicht. Selbstverständlich hießen sie uns willkommen. Mher, der Sohn, erklärte, dass wir hier zelten wollten. „Kommt nicht in Frage!“, wird Marad sagen, nachdem er sich die Hände gewaschen und das Hemd gewechselt hat. „Ihr werdet bei uns schlafen. Wir haben Platz genug.“

Ein kleines Mütterchen, weißhäutig, zerknittert, war aus der Nachbarschaft gekommen. Nannte sich Tamara. Mit einem Auge, das schon so manches gesehen hat: nicht schwer, nicht allzu wach. Ein heiteres Mütterchen. Mit Runzeln im Gesicht, die zeigten, dass sie ihr Leben zu einem guten Ende gebracht hatte. Sowohl jeden Tag, den Gott ihr geschenkt, als auch jeden Tag, der ihr wie ein Schlag versetzt wurde, zunächst durch eine unbarmherzige Ideologie, jetzt durch eine aus den Fugen geratene Politik. Eine Witwe, die ihre drei Kinder sicher und gut bis zum Erwachsensein geführt hatte.

Andere Nachbarn kamen vorbei. Zunächst ein langer, hagerer, geplagt von Nierenproblemen. Unsere gemeinsamen Krankheitsbeschwerden führten notgedrungen zur Verbrüderung. Und schon bin ich dabei, mich in Erklärungen zu ergehen – wie ein Chinese, der einem Eskimo seine Küchengeheimnisse erläutern möchte. Meine Zunge überschlägt sich beim Wort Kreatinin. „Das ist ein Marker“, sag ich ihm, „der anzeigt, ob deine Niere funktioniert oder nicht.“ Niemals hätte ich es für möglich gehalten, meine Beschwerden in ein Ohr zu schütten, das von der Ferne schwerhörig geworden war und, zurechtgestutzt auf den Alltag in einem der hinterwäldlerischsten Erdenwinkel, von den dortigen Geräuschen. Da hat er plötzlich einen Geistesblitz und fragt mich, auf welchem Wege man sich in Frankreich kurieren lassen könne. „Indem man das Flugzeug nimmt“, antwort ich.

„Und wenn ich dort leben würde?“

„Gute Idee“, entgegne ich. „Aber wovon würdest du leben?“ Dem Burschen verschlägt’s die Sprache und die anderen sperren Aug und Mund nicht minder sprachlos auf. Schließlich könne ihm doch ein in Frankreich lebender Cousin behilflich sein. Er verschwindet und kehrt mit einem Päckchen getrockneter, stark duftender Bergblumen zurück. „Du schickst es ihm, nicht wahr?“

„Du kannst dich auf mich verlassen.“ Und bin belämmert und erbärmlich mit diesem vertrockneten Strauß in der Hand, Hoffnung eines Mannes, der – kein Kraut war dagegen gewachsen – keine mehr hatte, der gefangen war in seinem Kaff, umgeben von ohnmächtigen Freunden, die wie er auch den Verhängnissen des körperlichen Verfalls ausgeliefert waren… Verhängnisse, verhängnisvoll nicht mehr in Ländern wie jenem, in dem ich lebte. Ich befand mich auf der anderen Seite.

Die Isolierung des Hinterlandes ist zunächst der unterlassenen Gesundheitsfürsorge zuzuschreiben. Während der Körper alle Arten von Aggressionen erduldet, beginnend mit der psychischen Zerrüttung, wird man sich seines Verschleißes erst bewusst, wenn er an die Mauer der totalen  Unsicherheit stößt. Da sie sich um den Menschen nicht im Geringsten kümmert, hat diese Gesellschaft kein System auf die Beine gestellt, das Unfällen oder den alltäglichen Beschwerden des Lebens in angemessener Weise begegnen würde. Es ist verständlich, dass kein Arzt Interesse hat, in Tatev zu leben; man weiß, dass die Dorfbewohner die Möglichkeit haben, sich entweder in Kapan oder Goris verarzten zu lassen. Aber man fragt sich, warum in den Dörfern nicht eine mobile medizinische Versorgung regelmäßig angeboten werden könnte.  Auf einen solchen Gedanken verfällt niemand, am allerwenigsten die jungen Medizinstudenten der Hauptstadt. Wahr ist’s allemal, dass das Business der plastischen Nasenchirurgie einträglicher ist als die Sorge um elende Kuhfladenwender. Menschlich, nur allzu menschlich…

Zwei Landwirte sind mitten in unser Abendessen geplatzt. Schlecht rasiert, in klobigen Stiefeln, haben getrunken, Trinksprüche gegrölt, gegessen. Was gegessen? Die Leber des Kalbs, das sich am Vorabend beim Sturz von einem Hang den Huf gebrochen hatte. Tomaten, Kräuter und Pommes frites. Larissa hatte sich bei unserer Ankunft richtig ins Zeug gelegt. Nichts fehlte auf der reich gedeckten Tafel, während eine Schwalbe hin und her flog, bis zu ihrem Nest unter dem Vordach. „Das bringt Glück“, sag ich. Glück… nun ja, daran haperte es in diesen Hütten.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Des gens sans importance, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/08/14/des-gens-sans-importance/) ©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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TATEV ZU JEDER JAHRESZEIT

Tatev vor Augen. Tatev in der Sonne… Dorf und Kloster. So wird sich mir Tatevs Name ins Gedächtnis prägen. Ein Stück ländlichen und geistlichen Armeniens in der überbordenden Freude der Körper und einer lichtdurchfluteten Pflanzenwelt.

Mit Frühlingsbeginn steigt bei den Bewohnern der Hauptstadt das Bild von Tatev wieder ins Bewusstsein. Mechanisch. Die Köpfe spüren den Lockruf des Südens. Und welches Ziel wäre nunmehr verführerischer als dieses Tatev, wo eine Schwebebahn nach elf langen Minuten eines Flugs durch die Lüfte dich am Fuße des Klosters absetzt! Andere, die es vorziehen, ihren Sterz in die Wasserbecken des Satani Kamurdsch zu tauchen, schlagen die schöne Straße ein, die zum Vorotan abfällt, bevor sie in Schleifen zum Dorf emporklimmt.

Nun, diese Art, das Panorama als Postkartenidyll erstarren zu lassen, ist genauso verlogen wie reduktionistisch. Das Kloster betreffend heißt dies, zu vergessen, dass es 1931 von einem Erdbeben zerstört wurde. Tatev heute sehen, Stein um Stein neu zusammengefügt, heißt also, seine Zerstörbarkeit vergessen. Man bestaunt ein Juwel, von dem man glaubt, ihm schlage keine Stunde, es stehe außerhalb der Zeit… während es ihr doch nicht entrinnen kann.

Aber das Dorf… Das Dorf lebt. Es lebt in der Zange der Jahreszeiten. Und es sind die menschlichen Körper, derer sie sich bemächtigen. Wer kommt denn in den schwersten Monaten, wenn Schnee und Frost über die Häuser hereinbricht? Wer fragt sich, wie sich diese Körper gegen die Tage und Nächte des Winters wehren? Und wie sie sich wärmen? Und wie sie sich nähren? Und wie sie trinken? Wer fragt denn danach, wenn doch das Gas nicht bis zum Dorf geleitet wird? Und wenn die dunklen Stunden lang und zäh sind… Wenn Schnee die Wege bedeckt… Oder schmutziger Matsch… Ach, und so viele andere Dinge, gegen welche die Leute ankämpfen und ihre Kräfte abnutzen, um zu überleben. Und an wen wenden sich die Alten, wenn die Schmerzen unerträglich werden? Denn in Tatev ist kein Arzt…

Die Einweihung der Seilbahn im Oktober 2010 war nur eine weitere Verhöhnung der Dorfbewohner. Umsonst wurde dies Gestell «Tatevs Flügel» getauft – das Dorf ist davon nicht flügge geworden. Zu denken, dass es der Siedlung zum Aufschwung verhelfen würde, ohne zunächst den elementaren Zermürbungen der Körper durch die Zeit zu wehren, war grausam, ja verbrecherisch sogar. Der Präsident kam, sang und weg war er. Das Leben aber wurde nicht um einen Deut behaglicher. Denn im Winter ist es dem Präsidenten warm. Und ein Mensch, dem es im Winter warm ist, wird die Bitterkeit der Kälte, die die anderen schüttelt, niemals kennenlernen. Denn was man denkt, denkt man mit dem Körper. Selten sind die Menschen, die ihren parfümierten Körper verlassen können, um in den gequälten Körper der anderen einzutreten. Kein armenischer Präsident tat es bisher.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Tatev en toutes saisons, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/09/29/tatev-en-toutes-saisons/)©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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ALLGEMEINE BETRACHTUNGEN

Unsere Straße wird der alte Weg sein, der Tatev mit Kapan verbindet. Heute benutzt man ihn, vergessen und verlassen wie er ist, nur selten. Mit Ausnahme vielleicht eines elenden Busses am Rande des Erstickungstods, einiger weniger Autos und, wie es scheint, ausländischer Mountainbiker.

Fünfzig Kilometer lang ist sie und würde es erlauben, binnen zwei Stunden Kapan zu erreichen. Ideal für diejenigen, die Goris vermeiden wollen, um über Tatev zu fahren. (Ein verantwortlicher Politiker, dem man die Vorteile dieser Straße nahegelegt hatte, verweigerte die Genehmigung für ihre Instandsetzung, damit Goris ihre Stellung als regionale Hauptstadt weiterhin behalte). Ohne starke Beschädigungen, ohne von Wagenspuren durchfurcht zu sein, hat sie doch hier und da ihren Teer eingebüßt, während der alte Asphalt an anderen Stellen Zeit und Unwetter, so häufig auf Bergstraßen, wacker getrotzt hat. Und wie setzt’s den Autos zu, Löchern und Buckeln ausweichen zu müssen, wie macht es sie langsam!

Zwei Gebirgspässe und drei Dörfer sind an ihr aufgefädelt: Achvani und Tandsaver nach dem ersten, Veri Chotanan einige Kilometer nach dem zweiten Pass.

Die Straße zum ersten Gebirgspass hinauf ist dank der Schneise, die sie sich durch den Wald bricht, von Tatev aus zu sehen. Ihre Asphaltdecke ist ihr auf der gesamten Länge entrissen. Manchenorts haben sie Erdrutsche ernsthaft beschädigt und zu einem schmalen Durchgang für Autos verengt. Sie ermöglicht es, mit einem Blick ganz Tatev zu umfassen: das Dorf, das eine ganze Hügelflanke bedeckt, und den abschüssigen Weg, der es wie eine Nabelschnur mit dem Kloster verbindet. Von dieser Straße aus werden die schönsten Fotografien der Abtei gemacht, von hier aus erfasst man erst die Kühnheit ihres Baus auf felsigem Sporn, der senkrecht in die Tiefe abstürzt. Fünfhundert Meter vom Pass entfernt sprudelt eine kühle Quelle, welche die Naturliebhaber zum Rasten einlädt. An einem großen Strommast, auf den höchsten Punkt des Berges gepflanzt, erkennt man den Übergang von einem Tal ins andere.

Danach schlängelt sich die Straße bis nach Achvani, zu einem dreckigen Dorf, in dem der Mensch beständig in der Jauche seiner Tiere versinkt. Den Winter über bleiben nur wenige hier, um das Vieh der Gehöfte zu füttern, während die Wölfe über den Dorfanger streifen.

Dann folgt Tandsaver, ein weiteres Kuhdorf mit baufälligen Hütten, verdrießlich zusammengepfercht, umlagert von grünen Hügeln. Man sucht das Weite, den einsamen Weg, eintauchend in die wuchernde Vegetation, die ihn ersticken will, während das Unterholz vom leisen Glucksen des Wassers bebt. Ein Hang erhebt sich dann, steigt, schlingert in Schleifen, roh, rau, unter großen Bäumen. Schnell zermürbt einen seine Versessenheit, aufwärts zu klettern, ohne dass sein Ende absehbar wäre.

Beim zweiten Gebirgspass tut sich vor euch ein Hügelland auf, das in unendlicher Weite zum Tal hin abebbt. Ein Baum auf einer kleinen Anhöhe lädt mit seinem Schatten zur Landschaftsbetrachtung ein. Um ihre Koteletts zu braten, hatten Rohlinge Feuer in seinen ausgehöhlten Stamm gelegt, doch konnten sie seinen Lebenswillen nicht brechen. Etwa hundert Meter abwärts, stürzt ein Bach von der Bergwand. Hier füllt ihr eure Feldflasche.

Danach weitere Kurvenschleifen der Straße bis zum Dorf Veri Chotanan. Nicht zu vergleichen ist es mit den beiden ersten.  Da leben um die hundertvierzig Familien. Stattliche, solide, festgefügte Häuser mit Wellblechdächern zeugen von der Nähe der Stadt. Im Sommer lockt die reine Luft die Städter an.

Die Anwesenheit anderer Dörfer kann man rechts und links der Straße erraten: Tavros, Schrvenants oder Noraschenik. Aber das Interesse am weiteren Verlauf der Straße verliert sich allmählich. Erst nach einer geraumen Weile, weit hinter dem letzten Dorf, findet man Wasser. Da wäre es schon ratsamer, Auto oder Bus anzuhalten, um nach Kapan zu kommen.

Zur Rechten nagt sich ein ungeheures Molybdän-Abbaugelände in die Hügelketten.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Route de Tatev à Kapan’, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/08/09/route-de-tatev-a-kapan/)©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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BLINDLINGS TRINKEN

Wenn der Durst euch so richtig in die Zange nimmt, reicht ein Schimmer lauteren Wassers, Brunnen- oder Bergwasser, das lockt und ruft, damit ihr mit wie zum Kuss gespitzten Lippen antwortet. So trank ich, bei Marad, einem Einwohner von Achvani, angekommen, den Rucksack kaum abgestellt, ein Glas jenes Wassers, das, rein, so schien’s, und reichlich, aus einem Rohr sprudelte. Lauteres Wasser in lieblicher Landschaft – wer würde es verschmähen? Einige Minuten später der Krampf im Magen – und ich muss mich erbrechen. Aus welchem Grund? Wieso? – Dann, im Laufe des Abendessens, lässt Marad eine Schimpftirade gegen die sanitären Einrichtungen des Staates vom Stapel. „Man hat uns vergessen in unseren Dörfern“, sagt er, „niemand kommt, um unser Wasser zu untersuchen. In diesem Dorf aber, in Achvani, sind bereits viele an Krebs gestorben. Ja, schlimmer noch, alle am gleichen Krebs, genau dem gleichen. Ein Rachenkrebs. Wer weiß, ob das nicht vom Trinkwasser kommt! Übrigens bin ich eines Tages mit dem Fuß eingebrochen, hier, im Fussboden meines Hauses. Und was musste ich feststellen? Dieses Haus wurde in der Tat über einem aserischen Friedhof errichtet. Und wo läuft’s entlang, unser Wasser, rat mal?“, und er zeigt aufs Wasserrohr. „Dabei habe ich den Tiermist noch gar nicht mitgerechnet, der hier überall herumliegt. Unsere Höfe versinken förmlich in der Jauche. Wir sind misstrauisch, ja, das sind wir. Wir spülen zwar das Geschirr mit diesem Wasser, aber trinken tun wir es niemals.“

Werd mir’s merken.

Dann, um seinem Wort den Beweis auf dem Fuße folgen zu lassen, schlägt er mir vor, seinen ältesten Sohn zu begleiten, der, einen Sack gefüllt mit Kanistern und Flaschen auf dem Rücken, zu der vom Wasser auferlegten täglichen Fron aufbricht. Einige Minuten gehen wir die Böschung eines Hügels entlang, verlassen das Dorf, kommen bis zu einer Quelle. „Dies Wasser“, sagt Marad, „ist nicht verseucht. Da kannst du Gift drauf nehmen. Es gibt keinen Bauernhof quellaufwärts. Man kann es problemlos trinken.“

 Gott sei Lob!

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Boire à l’aveugle, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/08/20/boire-a-l%e2%80%99aveugle/) ©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

 

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NACHTWASSER

Wenn ihr wie ich einen Harnapparat habt, der euch mit der Regelmäßigkeit einer Pendeluhr malträtiert und ihr, um diese Bedrängnis loszuwerden, nächtens einen Abort aufsuchen müsst, der außerhalb des Hauses gelegen ist, in unzureichend erkundetem Gelände, in verlorener Flur am äußersten Ende, unmittelbar hinter Schweinen und Kühen, vorbei an den Kötern des Hauses, die auch noch das gelindeste Fremdlingsrüchlein erschnüffeln, die das lautloseste Geräusch in Wut versetzt und die aufknurren wie vor der Treibjagd – tja, was in aller Welt würdet ihr euch da einfallen lassen, um Schaden zu vermeiden und ohne Zwischenfälle den Sonnenaufgang zu erleben?

Denn in dieser jauchigen Ecke Armeniens, das sollte man erwähnen, verlassen, auf den Hund gekommen, abseitig und abgelegen, so dass die Politiker der Hauptstadt ihre Existenz nicht einmal ahnen, ist das Kanalisationssystem noch weit davon entfernt, die Schwelle der Häuser erreicht zu haben. Und da man diese Häuser in Geringschätzung jeglicher Sanitätsvorrichtungen erbaut hatte, werden bei den Menschen die organischen Entleerungen nur um einen Deut zivilisierter als beim Vieh vorgenommen, kurz, nicht wie bei letzterem unter freiem Himmel, sondern an einem für diesen Zweck vorgesehenen Ort, geschlossen, heimelig und vor den Blicken anderer abgeschirmt.

Zu diesem über der Leere aufgehängten Lattenverschlag kommt ihr auf einem Eisensteg von ein, zwei Metern Länge gegangen. Gegenüber, unter einem Vordach, wiederkäuen und nächtigen die Kühe. Den Arsch müsst ihr geradewegs über einem Loch platzieren, das in Form eines Kreises in eine Metallplatte eingeschnitten ist, groß genug, um den Sturz der abgedruckten Nuss nicht zu vermasseln, aber auch weit genug, damit in der Stuhlschau das schnüffelnde Auge sich hinabstürze, um auf den Stalagmiten aus Fäkalien zu fallen, der von unten heraufwächst und den ihr glücklich genug wart, in seiner Größe eher noch als in seiner strotzenden Kraft zu vermehren.

Aber wie sollt ihr bis hierher vordringen? Die Nacht ist dermaßen schwarz und das Vieh richtig feindselig, wenn es gestört wird. Und wenn es euch selbst obendrein widerstrebt, in die Wanderschuhe zu schlüpfen, auf den Dielen zu knirschen, die Stufen hinabzusteigen, eine Reihe dunkler Höfe zu durchqueren und die Pforte aufzustoßen zu einer Arena, in der euch Knurren, Fauchen und Schnauben erwartet?

Der Herr des Hauses wird euch wohl augenzwinkernd ein Kunststückchen nahelegen: über den Balkon sollt ihr auf die Straße pissen. Da euch aber solche Gepflogenheit, selbst bei Nacht, nicht eigen ist, seid ihr nicht wirklich dazu aufgelegt.

Schließlich verlangt ihr einen alten Kübel. Da der Lauf zur Latrine nun auf einen Sprung aus dem Bett verkürzt wurde, schlummert ihr selig ein – wie ein Erfinder neben seiner gehätschelten Erfindung.

(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Eaux de nuit, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/08/19/eaux-de-nuit/)                  ©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.

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