
Wir sind in ihr Leben förmlich eingebrochen. Kleine Leute, Lumpenvolk, von allen vergessen. Denen niemand Beachtung schenkt, es sei denn einige Nachbarn, auch die verloren. Die Hauptstadt berauscht sich an sozialen Siegen. Oder verkündet lautstark ihre Träume einer schönen Politik. Und im Gefühl, den Fortschritt für ihr Volk vorangetrieben zu haben, geben sich die Verantwortlichen allabendlich der Völlerei hin. Aber für diejenigen, die ihr Leben in der Quarantäne des Hinterlandes fristen, wird sich trotzdem nichts verändert haben. Zermürbt von Entsagungen, drehen sie sich im Kreise, seit eh und je auf dem Abstellgleis. Nichts ist für die Einwohner eines Landes schlimmer, als der Eindruck, von denen, die regieren, übergangen worden zu sein.
Das Dorf Achvani ist ein Sammelbecken armer Teufel, die sich auf ihrer abschüssigen Lebensbahn an ihre Äcker und Kühe klammern. Marad, seine Frau Larissa und ihre beiden Söhne lieben ihr Leben auf dem Lande, sogar sein ganz und gar dem Vieh geweihtes rustikales Ritual.
Wir suchten oberhalb des Dorfes, auf grasbewachsener Anhöhe nach einem geeigneten Plätzchen für unser Zelt, als plötzlich ein junger Mann auf seinem Pferd vor uns auftauchte. „Hier ein Zelt aufbauen? Denkt nicht dran! Es ist gefährlich. Gelegentlich greifen Wölfe unsere Kälber an. Ich zeige euch weiter unten eine Stelle, in der Nähe des Flüsschens. Da ist nichts zu befürchten.“ Wir folgten ihm auf Pfaden, die ihm allein bekannt waren. „Zunächst aber trinkt ihr einen Kaffee bei uns.“ Sei’s drum.
Marad, der Familienvater, machte sich an einem Traktor zu schaffen, die Hände voll Wagenschmiere. Die Ankunft eines Fremdlings überrascht großherzige Seelen nicht. Selbstverständlich hießen sie uns willkommen. Mher, der Sohn, erklärte, dass wir hier zelten wollten. „Kommt nicht in Frage!“, wird Marad sagen, nachdem er sich die Hände gewaschen und das Hemd gewechselt hat. „Ihr werdet bei uns schlafen. Wir haben Platz genug.“
Ein kleines Mütterchen, weißhäutig, zerknittert, war aus der Nachbarschaft gekommen. Nannte sich Tamara. Mit einem Auge, das schon so manches gesehen hat: nicht schwer, nicht allzu wach. Ein heiteres Mütterchen. Mit Runzeln im Gesicht, die zeigten, dass sie ihr Leben zu einem guten Ende gebracht hatte. Sowohl jeden Tag, den Gott ihr geschenkt, als auch jeden Tag, der ihr wie ein Schlag versetzt wurde, zunächst durch eine unbarmherzige Ideologie, jetzt durch eine aus den Fugen geratene Politik. Eine Witwe, die ihre drei Kinder sicher und gut bis zum Erwachsensein geführt hatte.
Andere Nachbarn kamen vorbei. Zunächst ein langer, hagerer, geplagt von Nierenproblemen. Unsere gemeinsamen Krankheitsbeschwerden führten notgedrungen zur Verbrüderung. Und schon bin ich dabei, mich in Erklärungen zu ergehen – wie ein Chinese, der einem Eskimo seine Küchengeheimnisse erläutern möchte. Meine Zunge überschlägt sich beim Wort Kreatinin. „Das ist ein Marker“, sag ich ihm, „der anzeigt, ob deine Niere funktioniert oder nicht.“ Niemals hätte ich es für möglich gehalten, meine Beschwerden in ein Ohr zu schütten, das von der Ferne schwerhörig geworden war und, zurechtgestutzt auf den Alltag in einem der hinterwäldlerischsten Erdenwinkel, von den dortigen Geräuschen. Da hat er plötzlich einen Geistesblitz und fragt mich, auf welchem Wege man sich in Frankreich kurieren lassen könne. „Indem man das Flugzeug nimmt“, antwort ich.
„Und wenn ich dort leben würde?“
„Gute Idee“, entgegne ich. „Aber wovon würdest du leben?“ Dem Burschen verschlägt’s die Sprache und die anderen sperren Aug und Mund nicht minder sprachlos auf. Schließlich könne ihm doch ein in Frankreich lebender Cousin behilflich sein. Er verschwindet und kehrt mit einem Päckchen getrockneter, stark duftender Bergblumen zurück. „Du schickst es ihm, nicht wahr?“
„Du kannst dich auf mich verlassen.“ Und bin belämmert und erbärmlich mit diesem vertrockneten Strauß in der Hand, Hoffnung eines Mannes, der – kein Kraut war dagegen gewachsen – keine mehr hatte, der gefangen war in seinem Kaff, umgeben von ohnmächtigen Freunden, die wie er auch den Verhängnissen des körperlichen Verfalls ausgeliefert waren… Verhängnisse, verhängnisvoll nicht mehr in Ländern wie jenem, in dem ich lebte. Ich befand mich auf der anderen Seite.
Die Isolierung des Hinterlandes ist zunächst der unterlassenen Gesundheitsfürsorge zuzuschreiben. Während der Körper alle Arten von Aggressionen erduldet, beginnend mit der psychischen Zerrüttung, wird man sich seines Verschleißes erst bewusst, wenn er an die Mauer der totalen Unsicherheit stößt. Da sie sich um den Menschen nicht im Geringsten kümmert, hat diese Gesellschaft kein System auf die Beine gestellt, das Unfällen oder den alltäglichen Beschwerden des Lebens in angemessener Weise begegnen würde. Es ist verständlich, dass kein Arzt Interesse hat, in Tatev zu leben; man weiß, dass die Dorfbewohner die Möglichkeit haben, sich entweder in Kapan oder Goris verarzten zu lassen. Aber man fragt sich, warum in den Dörfern nicht eine mobile medizinische Versorgung regelmäßig angeboten werden könnte. Auf einen solchen Gedanken verfällt niemand, am allerwenigsten die jungen Medizinstudenten der Hauptstadt. Wahr ist’s allemal, dass das Business der plastischen Nasenchirurgie einträglicher ist als die Sorge um elende Kuhfladenwender. Menschlich, nur allzu menschlich…
Zwei Landwirte sind mitten in unser Abendessen geplatzt. Schlecht rasiert, in klobigen Stiefeln, haben getrunken, Trinksprüche gegrölt, gegessen. Was gegessen? Die Leber des Kalbs, das sich am Vorabend beim Sturz von einem Hang den Huf gebrochen hatte. Tomaten, Kräuter und Pommes frites. Larissa hatte sich bei unserer Ankunft richtig ins Zeug gelegt. Nichts fehlte auf der reich gedeckten Tafel, während eine Schwalbe hin und her flog, bis zu ihrem Nest unter dem Vordach. „Das bringt Glück“, sag ich. Glück… nun ja, daran haperte es in diesen Hütten.
(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Des gens sans importance, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/08/14/des-gens-sans-importance/) ©Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.